Atlas Mountain Race © Martin Moschek

Endurance Races: „Der Kopf macht den Unterschied“

Radsportler Martin Moschek erklärt im Interview, warum bei Rennen über tausende von Kilometern gute Fitness und Material alleine nicht ausreichen.

Mit seinem Rad erkundet Martin Moschek seit über 30 Jahren die Welt: In dieser Zeit hat er in 51 Ländern tausende Kilo- und Höhenmeter „geschrubbt“. Marokko, Tansania, Argentinien, Georgien, Island – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Im Interview habe ich mit Martin unter anderem über die Faszination Radreisen gesprochen, über die mentale Stärke, die man mitbringen muss, um solche Touren zu meistern und seinen Umgang mit einem möglichen Scheitern bei einem Rennen weit weg von der Heimat. Seine Erlebnisse hält er detailliert in seinem Blog „BiketourGlobal“ fest.

Moin Martin, was du so tust, schimpft sich „Extrem-Radsport“. Kannst du persönlich mit dem Begriff was anfangen? Wann wird ein Sport eigentlich extrem deiner Meinung nach?

Martin Moschek: Extrem ist so ein Begriff, mit dem man sich gerne versucht von anderen abzusetzen, das, was man tut, aufzuwerten oder als Besonders darzustellen. Ich wäre eher vorsichtig mit solchen Begriffen. Sportler wie Jonas Deichmann machen extremen Radsport. Extrem, weil wirklich außergewöhnliche Strecken und Entfernungen in kurzer Zeit zurückgelegt werden. Oder wie Sofiane Sehili, der den Atlas Mountain Race in diesem Jahr (ein Rennen über 1.145 km und 20.000 Höhenmeter durch die Berge Marokkos) in nur 3 Tagen und quasi non-stop und ohne Schlaf gewonnen hat. Das ist wirklich extrem.

Ich hingegen würde von mir nicht behaupten, extremen Sport zu machen. Ich stelle mich gerne Herausforderungen und habe es gerne sehr schwer. Ich fahre natürlich im Vergleich zu anderen Radfahrern mehr, auf anderem Terrain und sicher mit einer anderen Geschwindigkeit und Schwierigkeitsgrad. Aber extrem ist anders und ich würde es von mir auch nicht behaupten. Da geht es mir nicht um „Fishing for Compliments“, sondern um ein Einordnen und Relativieren. Wir sind immer sehr schnell mit dem Begriff extrem bei der Hand, sobald einer auch nur mit dem Rad bei Regen zum Bäcker fährt oder mal schneller um die Alster läuft.

Woher rührt deine Begeisterung für den Sport, den du ausübst? Wie bist du dahin gekommen? Gib uns doch mal einen Einblick in deine Hobbysportler-Biographie.

Moschek: Ich habe seit der 3. Klasse Leistungssport Radsport in der DDR trainiert. Damals bin ich mehrmals die Woche zur BSG Stahl Südwest Radrennbahn in Leipzig gefahren und habe dort und auf den Landstraßen um Leipzig herum in vielen Jahren tausende Kilometer abgespult. Dann hatte ich einen Unfall und habe danach beschlossen, aus dem Radsport auszusteigen. Zum Abtrainieren musste ich dann Fußball spielen. Und ich hatte mir geschworen, nie wieder Fahrrad zu fahren. Ich hatte wirklich genug davon.

Dann kam die Wende und mit ihr kam das Fahrrad zurück in mein Leben. Diesmal aber als Mittel zum Zweck: Ich wollte die Welt entdecken, war noch zu jung für ein Auto oder Motorrad und beschloss daher, mit dem Fahrrad loszufahren. Aus einer Tour durch Europa wurden dann immer mehr Radreisen, die dann in einer Tour von Leipzig nach Bombay und einer Solo-Fahrt durch die Sahara nach Timbuktu gipfelten. Diese Art zu Reisen gefiel und gefällt mir sehr gut und seit 1990 bin ich nun schon durch 51 Länder mit dem Fahrrad gefahren.

Vor zwei Jahren kam dann wieder mehr Leistungssport in mein Radfahrerleben. Das Bikepacking ist eine neuere Art des Radfahrens mit Gepäck, wobei die Räder und Ausrüstung hierbei auf das Fahren abseits der befestigten Wege ausgelegt sind. Das Bikepacking kann gemütlich sein, kann aber auch sportlicher sein und endet dann in den sogenannten Ultra Endurance Races, wo man durch herausforderndes Gelände unglaubliche Entfernungen und Höhenmeter in einer bestimmten Zeit zurücklegen muss. Und dabei auf keinerlei Unterstützung oder organisierte Versorgung zurückgreifen kann, sondern selber Fahrer, Mechaniker und Koch in einer Person ist. Und das macht so viel Spaß wie es anstrengend ist. Und ist gerade die Art von Radfahren, die ich besonders gerne mag und die ich aktuell auch vorantreibe.

Freie Fahrt voraus in Patagonien © Martin Moschek
Freie Fahrt voraus in Patagonien © Martin Moschek

Wovor ich ja vor allem den Hut bei dir ziehe, ist deine mentale Stärke: Du fährst an den exotischsten Ecken der Welt alleine wochenlang mit dem Rad. Ich erinnere mich an einen Blog Post von dir, wo du erzählst, wie du während eines Trips von Südchile nach Südargentinien heftig Fieber hattest. Ich kann schon eine Männergrippe in Spanien nicht ab. Wie gehst du mit solchen Situationen weit weg von der Heimat um? Kann man sich so einen „Kopf“ antrainieren oder ist einem das in die Wiege gelegt?

Moschek: Die mentale Stärke ist aus meiner Sicht die eigentlich wichtige Komponente bei solchen Endurance-Unternehmungen. Körperlich und ausrüstungstechnisch sind sehr viele Menschen in der Lage, solche Art von Sport oder Rennen zu machen. Aber sehr oft entscheidet die mentale Härte oder das mentale Training über den Erfolg einer Tour oder eines Rennens. Ich bin grundsätzlich sehr gerne alleine und kann das auch sehr lange so aushalten. Ich fühle mich da am wohlsten und ziehe daraus auch viel Kraft. Das scheint mir in die Wiege gelegt zu sein, aber man kann das sicherlich auch trainieren. Vor Krankheiten habe ich eigentlich keine große Sorge. Es ist halt oft Teil einer Unternehmung. Und so sehe ich das dann auch. Und alleine zu reisen, heißt ja in den wenigsten Fällen auch tatsächlich allein zu sein. Man trifft ja immer wieder Menschen und findet hier auch in der Not Unterstützung.

Hattest du schon mal das Gefühl bei deinen Radreisen du schaffst das nicht oder blendest du ein mögliches Scheitern komplett aus?

Moschek: Also bei den Radreisen geht es ja um nichts. Die mache ich ja nicht, um in Rekordgeschwindigkeit irgendwo langzufahren, sondern um mir Land und Leute anzuschauen. Bei den Races geht es schon um was, aber Scheitern gehört halt auch dazu. Im Schnitt brechen 40-60 Prozent der Teilnehmer bei den Bikepacking Endurance Races das Rennen ab. Sei es aus technischen Gründen, oder weil sie krank geworden sind, oder weil sie merken, dass sie den Anforderungen und Strapazen nicht gewachsen sind.

Allerdings sehe ich im Scheitern nichts Negatives. Und das sage ich nicht, weil es gerade in ist, von Fehlerkultur zu sprechen, sondern weil ich darin tatsächlich so etwas wie eine Weiterentwicklung sehe. Dafür muss ich allerdings bereit sein, das Scheitern oder besser ausgedrückt Aufgeben zu akzeptieren und nicht zu versuchen, das irgendwie zu entschuldigen und vor mir selber und anderen zu rechtfertigen. Man merkt sehr schnell, wie ein Mensch gestrickt ist, wenn man sich anschaut, wie er mit dem Aufgeben umgeht. Ist er analytisch, gesteht er sich das auch ein und versucht herauszufinden, woran es lag, um es dann noch mal und besser zu versuchen? Oder ist es jemand, der äußere Umstände vorschiebt, sich etwas vormacht und nicht wirklich aus diesem Aufgeben lernt? Ich kann letzteres gut verstehen und nachvollziehen, aber das bringt dich nicht weiter.

Und allzu oft ist das Aufgeben, weil man nicht mehr kann oder sich überschätzt hat, einfach keine Option, da man meint, einem selbst gemachten sozialen Druck ausgesetzt zu sein, der nur Erfolg honoriert und Aufgeben nicht versteht. Aber wenn dir der Erfolg auf Instagram, Strava und Facebook wichtiger ist als der Erfolg vor dir selber, dann hast du andere Probleme.

Wenn ich unterwegs bin, dann gibt es für mich kein Scheitern. Und ich denke da auch nicht ans Aufgeben. Wenn etwas passiert, was mich zur Änderung oder gar Abbruch einer Reise oder eines Races zwingt, dann ist das so und ich akzeptiere das als Teil des Erlebnisses. Das ist sehr schwer mitunter, aber ich muss ja nicht unnötig Energie in Sachen stecken, die sich am Ende ohnehin nicht ändern lassen. Ich analysiere dann die Umstände und versuche das zu reflektieren. Pragmatismus und Selbstbewusstsein und vernünftige Selbstliebe sind ganz gute Voraussetzungen, wenn man solche Touren macht wie ich.

Kleine Belohnung am Ende eines langen Trips © Martin Moschek
Kleine Belohnung am Ende eines langen Trips © Martin Moschek

Du bist das ganze Jahr trainingstechnisch im Saft: Du fährst in der Regel 40 bis 50 km täglich zur Arbeit und unternimmst auch am Wochenende hin und wieder längere Radtouren inkl. Übernachtung im Zelt. Wie sehen bei dir die letzten 6-8 Wochen vor einem Rennen aus? Ziehst du da im Training nochmal ordentlich an oder geht es da auch vor allem darum, nichts für die Reise zu vergessen? Das richtige Equipment dabei zu haben etc.

Moschek: Ja, ich fahre viel Fahrrad und ergänze das dann vor Rennen oder sportlichen Herausforderungen noch mit Athletik-Training und Intervall-Training auf der Rolle. Aber wenn man einmal eine Grundfitness hat, dann passt das schon. Grundsätzlich muss man aber für das Radreisen oder -fahren nicht trainiert sein. Klar sollte man schon mal auf einem Rad gesessen haben, aber ich halte nicht viel davon, jetzt so normale Sachen wie Radtouren sportlicher zu machen als sie sind. Ist halt Radfahren. Fertig.

Training ist nur was für Untalentierte! Und das stimmt zu einem gewissen Teil schon. Auch ich kompensiere fehlendes Talent und fortschreitendes Alter durch Training, aber nur, wenn ich Radreisen oder Races vor mir habe, die eine absolute körperliche Fitness voraussetzen. Ansonsten halte ich mich an meine bewährte Vorbereitung durch Whisky und Schokolade.

Viele Teile der Welt werden immer unsicherer, gerade legt Corona das Leben lahm. Was denkst du: Sind so Hobbies wie deine in Zukunft überhaupt noch machbar und wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Moschek: Ja, das wird schon wieder. Dauert eventuell etwas, aber ich habe keine Zweifel, dass wir bald wieder durch die Welt fahren können. Ich muss aber nicht immer anderswo sein, denn oft liegt das Schöne auch nah. Und da fahre ich gerade auch viel rum und genieße das. Es muss nicht immer die Welt sein, damit mein Sport funktioniert. Mir reicht mein Rad und ein bisschen Wald.

Mich schrecken ja beim Radsport die Kosten ab. Beim Laufen reichen im Prinzip paar gute Schuhe für etwa 160 Euro, beim Outfit tut es auch Tchibo. Wie viel investierst du jährlich in dein Hobby?

Moschek: Zu viel. Aber das Geld ist ja nicht weg, sondern nur woanders! Ich habe bei meiner Art zu fahren einen recht hohen Materialverschleiß. Es kann schon sein, dass ich um die 500-800 Euro in Material investiere, was dann nach 10 Tagen Race komplett im Eimer ist. Ich baue meine Räder grundsätzlich selber auf. Das ist dann oft eine höhere Anfangsinvestition. Ich habe aktuell drei Räder, wobei ich eines verkaufen werde oder meinem älteren Sohn gebe. Aber viel öfter kaufe ich mir neuen Kram, um ihn auszuprobieren. Er ist nicht wirklich notwendig, um mit dem Rad zu fahren. Aber es ist halt mein Hobby und daher passt das schon.

End of the Road: Tragen statt Fahren © Martin Moschek
End of the Road: Tragen statt Fahren © Martin Moschek

In deinem Bereich bist du mit deinem Blog „BiketourGlobal“ recht bekannt. Du hast eine gute Reichweite im Social Web und die Leute interagieren auch sehr intensiv auf deine Postings. Könntest du von dem Radsport eigentlich auch leben? Bekommst du als eine Art „Rad-Influencer“ Geld dafür, dass du ein Bike testet? Muss ja für den ein oder anderen Hersteller sicher interessant sein, wenn sein Material unter Extrembedingungen getestet wird.

Moschek: Nein, ich glaube nicht, dass ich davon leben könnte. Ich habe es auch nie probieren wollen. Ich gehe gerne meiner aktuellen Arbeit nach und betreibe den Blog sehr gerne als Hobby. Nur Fahrrad und so macht einen ja irgendwann auch komisch. Das muss nicht sein. Fahrradfahren ist sicherlich ein großer Teil von mir, aber nicht alles. Ich kann daher auch nichts mit Leuten anfangen, die zu tief in diesem Fahrrad-Game sind.

Meine Reichweite nutze ich aber, um Fahrräder und Ausrüstung testen zu können. Das ist schon sehr komfortabel, wenn man hier Zugang zu all den schönen Dingen bekommt und diese dann ausprobieren kann. Das schätze ich sehr, aber ich habe mir das auch erarbeitet. Ab und zu verdiene ich auch Geld damit. Testanfragen, die von mir ausgehen, mache ich kostenlos. Testanfragen, die an mich herangetragen werden, müssen bezahlt werden. Und meinen Lesern gegenüber bin ich dahingehend sehr transparent und kennzeichne das auch.

Du gehst einem soliden Job als Pressesprecher einer bekannten IT-Firma nach. Wenn du von einer deiner Reisen zurückkommst, wie leicht / schwer fällt es dir, dich an deinen beruflichen Alltag zu gewöhnen bzw. überhaupt an deinen Alltag? Wie sehr sehnst du einem neuen Trip entgegen?

Moschek: Ich habe keinerlei Probleme mit dem Umschalten. Ich finde das auch ehrlicherweise oft komisch, wenn ich von anderen höre, wie schwer es ihnen doch fällt, wieder in Deutschland zu sein und jetzt wieder in den Zwang Arbeit zurückzukehren. Dabei waren sie gerade mal 2 Wochen mit dem Rad unterwegs. Ich mache meine Arbeit sehr gerne, ich bin sehr gerne bei meiner Familie und ich mache sehr gerne Radreisen. Ich freue mich, wenn wieder eine ansteht. Wenn nicht, dann ist das auch ok. Ich bin da sehr pragmatisch und wenig emotional.

Ehrlicherweise bin ich sehr dankbar, dass ich finanziell, gesundheitlich, körperlich, politisch, gesellschaftlich und von der Arbeit und Familie her in der Lage bin, überhaupt solche Touren und Races machen zu können. Das ist für mich die eigentliche Freiheit und nicht das Radfahren an sich.

Was denkst du wie lange man ein Hobby wie deines mit Radstrecken über tausende von Kilometern eigentlich ausüben kann? Du selbst bist jetzt Mitte 40.

Moschek: Das Radreisen kannst du solange machen, wie es dein Körper zulässt. Die Bikepacking Endurance Races theoretisch auch, obwohl du irgendwann nicht mehr die Zeitlimits wirst halten können. Von der ausdauersportlichen Seite her ist mein Alter gerade richtig, denn mein Körper ist jetzt wohl besser für Ausdauersport wie das Radfahren geeignet. Ich mache das so lange, bis ich selber merke, dass es nicht mehr geht, oder meine Familie mich sanft vom Rad holt.

Unterwegs in Kenia und Tansania © Martin Moschek
Unterwegs in Kenia und Tansania © Martin Moschek

Hast du schon konkrete Pläne für deinen nächsten Trip? Wenn ja, wohin?

Moschek: Ja, ich plane aktuell die Teilnahme am härtesten Bikepacking Race der Welt, dem Silk Road Mountain Race im kommenden Jahr. Da geht es in Höhen zwischen 3.000 und 4.200 m über 1.800 km und mehr als 20.000 Höhenmeter auf vergessenen Gebirgspfaden und alten Militärstraßen durch Kirgisistan. Für diese Strecke hat man maximal 14 Tage Zeit. Die Aufgabe-Quote liegt bei über 60 Prozent.

Was würdest du einem deiner beiden Söhne entgegnen, sollte er dir in 10 Jahren offenbaren, er will alleine mit dem Rad vom Hamburg nach Jerusalem fahren – so ähnlich wie du es mit Anfang 20 von Leipzig aus getan hast?

Moschek: Ich würde erstmal mit ihm seine Routenplanung besprechen und die Ausrüstung diskutieren. Und ihn dann unterstützen, wo es geht. Und vielleicht ein Stückchen mitfahren. Vermutlich wäre mir das dann aber zu langsam.

Danke dir für das interessante Gespräch!

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